Erotisches Schreibexperiment III – A wie Andreaskreuz und B wie BDSM

Es ist inzwischen schon sieben Jahre her, dass ich erkannte, welche Bedeutung meine Träume und Fantasien haben, dass sie nichts anderes sind als Ausdruck unerfüllter Sehnsucht, die beginnend mit der ersten Auseinandersetzung mit mir selbst als weiblichem Wesen zunehmend klarer wurde.

Vierzig Jahre alt musste ich werden, um diesen Sehnsüchten einen Namen geben zu können, sie für mich greifbar zu machen und dadurch auch mich selbst immer klarer zu erkennen. Vierzig Jahre lebte ich ein in den Augen der anderen normales Leben. Ich studierte, arbeitete, heiratete, bekam Kinder und half ihnen erwachsen zu werden und selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen. Meine Ehe jedoch war nur noch eine Formsache, etwas, was aufrecht erhalten wurde, um den schönen Schein zu wahren und den Kindern die Sicherheit einer intakten Familie zu geben. Dass sie spürten, dass das lange schon nicht mehr funktionierte, sollte ich erfahren, als ich mich von meinem Mann, über die Jahre zu einem gleichgültigen, aber auch vor allem verbal gewalttätigen Mann mit einem ausgeprägten Alkoholproblem geworden, trennte. Aus den Gesprächen mit den Kindern erfuhr ich, dass sie lange schon spürten, wie unzufrieden ich war, wie unglücklich in dieser Ehe, die für mich einen der äußeren Zwänge darstellte, die man nicht so leicht löste, jedoch dafür sorgte, dass ich mich mehr und mehr verleugnete. Ich lebte nur noch für andere, meine eigene Bedürftigkeit nach Liebe, nach Nähe verdrängte ich.

Heute weiß ich, dass gerade bei submissiv veranlagten Frauen sich dieser Weg ähnelt. Heute weiß ich aber auch, dass dieses Erkennen und zunehmende Wissen um meine Veranlagung mit die Kraft gab und das Selbstbewusstsein, mich aus der Enge eines Lebens, das meinem Ich so gar nicht entsprach, zu befreien, alte, hemmende Bindungen zu lösen und endlich mein Leben zu leben.

Ich ließ mich scheiden, schloss Türen hinter mir und stieß neue auf. Türen, hinter denen sich eine Welt verbarg, die mich faszinierte, zum Teil erschreckte, ängstigte  und schockierte und doch Saiten in mir zum Schwingen brachte, von denen ich bisher kaum ahnte, dass es sie gab. Ich erkannte, dass ich das, was mir bisher im Weg stand, meine stille Art, meine Beobachtungsgabe, meine Bereitwilligkeit, mich an die Hand nehmen zu lassen, Bestandteil meines Ichs war und es keine Schande war, sich hinzugeben, weich und scheinbar schwach zu werden. Zunehmend zeigte sich, dass gerade in diesem Vermögen mich in dieser Schwäche beherrschen zu lassen meine Stärke bestand.

Endlich musste ich nicht mehr ausschließlich in Beruf und Alltag stark sein und Entscheidungen treffen, sondern konnte endlich loslassen und Verantwortung abgeben. Auf dem Namensschild der Tür in mein neues Leben stand BDSM, vier Buchstaben, deren Bedeutung und Inhaltsschwere sich mir zwar Schritt für Schritt erschloss, mich aber auch in den ersten Tagen meiner Selbsterkenntnis schockierte, denn das, was bisher von den Menschen, die ach so normal sich gaben – bis dato gehörte ich ja noch zu ihnen – als pervers beschrieben, aber auch mit einem gewissen Voyeurismus und frivoler Sensationslust beobachtet und analysiert wurde, sollte nun tatsächlich Teil meines Lebens werden und mir Erfüllung bringen. Ich lernte eine neue Welt kennen und fand mich dabei.

BDSM – in diesen vier Buchstaben entdeckte ich Schritt für Schritt das wieder, was mir in meinen Träumen bereits vertraut war. Ich fand die Faszination an Wehrlosigkeit wieder, dieses wunderbare Gefühl gebunden durch Seile, Ketten oder einem Willen, dem ich mich unterwarf, meinem Fühlen und meinen Gefühlen eine neue Freiheit zu schenken. Diese Sehnsucht bekam einen Namen und wurde dadurch greifbar: Bondage. Ich fand mich wieder in einer Welt, in der es keine Schande sondern bewundernswert war, sich einem Willen zu unterwerfen und auch darin Freiheit zu finden. Auch diese Sehnsucht bekam einen Namen: Dominanz und Submission. Ich fand mich schließlich auch in einer Welt wieder, in der ich erfahren durfte, dass Schmerz die intensivste Berührung ist, die man als Liebender entweder schenkt oder empfängt. Ich tauchte ein in das Reich des Sadomasochismus.

Als ich diese Tür aufstieß, betrat ich einen Raum, in dem innerhalb einer Beziehung nichts voreinander verborgen bleibt und man in einem steten verbalen und nonverbalen Dialog steht. Nie in meinem Leben hatte ich bis dahin so viel Respekt, Beachtung und Aufmerksamkeit erfahren. Noch nie wurde ich so sehr geachtet und ernstgenommen.

Allerdings begegnete ich auch vielen unehrlichen, egoistischen so genannten Herren, Sirs, Lords und wie sie sich noch betiteln mögen. Sie errichten Scheinwelten, um egomane Ziele zu verfolgen, kaum bedacht auf das Wohl derjenigen, die sich vertrauend unterwirft. Ich begegnete Menschen beiderlei Geschlechts, die sich in virtuellen Welten verlieren, wissend, dass ihr Kopfkino dem realen Sein nicht standzuhalten vermag. Diese Menschen habe ich hinter mir gelassen und heute bin ich ihnen dankbar, denn sie halfen mir, meinen Anspruch zu definieren und zeigten mir, dass ich die Stärke besitze, mir selbst treu zu bleiben und mich nicht wieder für andere zu verbiegen und zu verleugnen.

Wertvoller sind jedoch diejenigen für mich, die mir auf meinem Weg halfen, die zeigten, erklärten und geduldig all meine Fragen beantworteten. Sie sind mir zum Teil wunderbare Freunde geworden.

Mit dieser BDSM-Tür wurde zugleich eine weitere aufgestoßen: meine Wissbegierde. Ich sah mich mit einer Welt voller faszinierender Dinge und Geräte mit Namen, die ich nicht oder nur in anderem, „unschuldigem“ Zusammenhang kannte, konfrontiert. Da gab es Paddle, Flogger, die Katze, Weißen SM, den Bock und auch das Andreaskreuz. Inzwischen ist dieses Kreuz für mich zum Sinnbild submissiv-masochistischer Hingabe geworden. Bisher kannte ich es nur aus der Architektur, bin ihm begegnet in Sakralbauten, dazu dienend, Bauwerken Halt und Stabilität zu geben. Diese Funktion ist mir symbolisch erhalten geblieben. Gefesselt an ein Andreaskreuz erfahre ich Halt und Sicherheit, kann in der Stabilität meines Vertrauens eintauchen in meine Gefühlswelten, wenn Sinnlichkeit, Lust und Schmerz sich so vermengen, dass ich loszulassen vermag und zu fliegen beginne. Es hält mich, wenn ich aus einem Urinstinkt mich zusammenkrümmen möchte. Gefangen in dieser Unmöglichkeit jedoch erfahre ich innere Befreiung meines Geistes und kann zulassen und empfangen und schließlich annehmen, was mein Partner, mein Mann, mein Geliebter, mein Peiniger und in diesem Moment mein Herr mir schenkt – den Ausdruck seiner Liebe.


Berührung

Tief aus dem Zauberland
meiner Träume
holst du meine wunde, zerbrechliche Seele
zu dir,
umfängst sie jeden Augenblick neu
mit Liebesgeflüster,
mit unsichtbaren Fesseln,
mit deinen Augen,
mit der Kraft deines Willens.
Und in dem Moment
des Schmerzes und der Qual,
die ich empfange,
berührt meine Seele die deine,
nähere ich mich deinem Herzen
im Fluss meiner Tränen,
und so komme ich an
bei Dir.


Erotisches Schreibexperiment II – A wie Augen, Augenbinde

Man spricht nicht umsonst davon, dass Augen der Spiegel der Seele wären. Und gerade im erotischen Miteinander spiegelt sich in ihnen so vieles an Gefühlswelten: ich sehe das Begehren und Verlangen, das Eintauchen und das Vergessen, Verdrängen all dessen, was ablenken könnte. Ich sehe in den Augen meines Partners diesen ganz besonderen „Tunnelblick“, an dessen Ende ich im Licht stehe, ich zum Ziel, zur Beute werde. Ich sehe in ihnen die stetig wachsende Lust, die zunehmende Zügel- und Hemmungslosigkeit. Ich sehe in ihnen aber auch den stillen Flirt, die Liebkosung ohne Hände, eben den streichelnden, schmeichelnden Blick. Ich sehe in ihnen  die Härte und Strenge des Herrn, der fordert, Gehorsam einfordert und straft oder dankt.

Augen sind für mich das Tagebuch der Befindlichkeiten, der Momentaufnahmen, in denen ich auch erkennen kann, wann Erotik einmal keinen Platz hat.

Ich weiß, dass meine Augen ebenfalls untrügliche Signale senden, die, wenn dazu bereit, lesbar sind. Da ich ein Mensch bin, der auf visuelle Reize sehr stark reagiert, kann es aber auch dazu kommen, dass mich gerade visuelle Reize ablenken. Wenn ich das Spiel des Lichtes auf seiner Haut sehe, mein Spiegelbild in seinen lustverdunkelten Augen, gehe ich in meiner Selbstwahrnehmung zurück und bremse mich dadurch selbst aus. Mein Partner weiß das, weiß, welche Wirkung Bilder auf mich haben und steuert dem entgegen, indem er mir das Sehen nimmt. Allein das Anlegen einer Augenbinde zaubert mir eine Gänsehaut. Gefangen im Dunkel weiten sich meine anderen Sinne. Die leiseste Berührung lässt mich zusammenzucken. Ich sehe die Kerze nicht, deren Wachs bizarre Muster auf meine Haut zaubert, doch ich spüre den Tropfen wie einen Nadelstich, rieche das Stearin, fühle die Hitze beim Nähern der Kerze. Ich lausche auf den Atem meines Herrn, folge hörend seinen Bewegungen und bin irritiert, wenn er sich so leise bewegt, dass ich ihn nicht mehr lokalisieren kann.

Man sagt, der Entzug eines Sinnes führt zur Schärfung der anderen. Doch das ist es nicht allein. Dadurch, dass die Wahrnehmung der Außenwelt eingeschränkt wurde, besinne ich mich auf mich selbst, auf mein Fühlen. Ich lausche meinen eigenen Reaktionen nach, nehme sie um ein Vielfaches bewusster wahr und fühle mich zudem ausgeliefert, wissend, dass ich vertrauen kann. Es gibt mir die Möglichkeit, wirklich loszulassen, meine Seele zu befreien und in diesen Sinnestaumel einzutauchen.


Mein erotisches ABC

Hier bin ich über einen Wegweiser durch die Schattenzeilen gelandet. Gefunden habe ich ein Schreibexperiment zum Thema Erotisches Schreiben, das sich über viele Wochen hinziehen wird. Den Anfang machte die Blogautorin mit einem erotischen ABC, bei dem jedem Buchstaben unseres Alphabetes erotische Begriffe zugeordnet werden sollten. Ich habe es selbst einmal versucht udn habe festgestellt, bei der Fülle an Gefühlen und Sinneswahrnehmungen, die man mit Erotik verbindet, war es gar nicht so leicht, wirklich Begriffe zu finden. Bei manch einem Buchstaben hätte ich noch einiges mehr schreiben können. Bei anderen musste ich überlegen. Und das größte Problem stellte das X dar, für das ich nichts gefunden habe. Aber hier nun mein Ergebnis:

A:        Augen, Augenbinde, Andreaskreuz

B:        BDSM, Blumen, Blicke

C:        Champagner, Cunnilingus

D:        Dreitagebart, Demut, Dominanz, Dirty Talk

E:        Eis auf heißer Haut, Erdbeeren, Erotic Power Exchange

F:        Fesseln aus Leder, Fantasie, Fisten, Fixierung

G:        G-Punkt, gute Laune, Geschichte der O

H:        Halsreif, Hände, Hauthunger, High Heels, Hingabe

I:         Ingwer, Intensität, Intimschmuck, Intelligenz

J:         Japanbondage

K:        Kuscheln, Ketten, Korsett, Küssen, Kerzen

L:         Leder, Lustschmerz, Lachen, Lächeln, Liebe

M:        Musik, Moschusduft, Massage, Machtaustausch

N:        Nabel, Nougat, Netzstrümpfe, Nacktheit

O:        Oel, Orgasmus

P:        Partner, Peitsche, Piercing

Q:        Qual

R:        Reizwäsche, Rosen, Reife, Rituale

S:         Seile, Schaumbad, Schokolade, Sonne

T:         Tagträume zu zweit, Tantra, Tanzen

U:        Unterwerfung,

V:        Vibrationen, Venushügel, Verführung, Vertrauen, Violet Wand

W:       Wasser, Wachs, Wehrlosigkeit,

X:

Y:        Y-Stellung

Z:        Zärtlichkeit, Zunge, zartharte Liebe


Flügel aus schwarzem Leder

Die blaue Stunde, die Zeit der Dämmerung, in der an klaren Tagen das Blau des Himmels besonders intensiv leuchtet und alles andere daneben in einen goldenen Glanz taucht. Die mystische Stunde, in der sich der Tag verabschiedet und die Nacht ihren ersten Schritt im Zeitenlauf wagt.

Linda saß auf ihrem Balkon. Ein Glas Rotwein stand vor ihr auf dem kleinen Tisch neben ihrem Netbook, mit dem sie bis eben noch mit jenem Mann gechattet hatte, mit dem sie seit Monaten eine Fernbeziehung pflegte. Viele hundert Kilometer trennten sie voneinander und nur hin und wieder konnten sie einander treffen um sich nahe zu sein. Über all die Wochen und Monate zeigte sich, dass ihr Fühlen und Denken miteinander im Einklang war, dass es mehr gab als ihre gemeinsame Passion und sie beide dadurch auch auf wunderbar menschliche Weise verband. Sie sprachen nur hin und wieder über Themen wie Bondage, Schmerz und Lust. Anderes war ihnen ebenso wichtig. Die Liebe zur Kunst, gemeinsame Theaterbesuche oder einfach nur die ganz alltäglichen Ereignisse, die Beruf und Erleben im täglichen Auf und Ab mit sich brachten, besprachen sie in einer Vertrautheit, die sich über all die Zeit zwischen ihnen entwickelt hatte.

Als sie sich das letzte Mal vor einem Monat trafen, bekannten sie einander, dass sie ohne den anderen nicht mehr sein mochten, dass es endlich eine Lösung geben müsse, um die allzu große Distanz zu überwinden. Als stellvertretender Geschäftsführer einer angesehenen Firma konnte er es sich nicht leisten, anderen Ortes einen Neuanfang zu wagen.

Linda liebte ihre Arbeit in einer kleinen Buchhandlung der Stadt, in der sie lebte. Nebenbei hatte sie sich immer noch ein wenig Geld zusätzlich verdient, indem sie für einen angesehenen Verlag Lektoratsarbeiten ausführte. Doch sie hatte sich in der Großstadthektik nie wirklich zu Hause gefühlt. Sie sehnte sich nach Stille und den Blick ins Grüne. Er lebte auf dem Land, jedoch in unmittelbarer Stadtnähe, sodass der Durst nach Kultur und all den Annehmlichkeiten, die eine Stadt zu bieten hatte, durchaus gestillt werden konnte. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er sie ausgezahlt, sodass er sein schmuckes Häuschen am Rande eines kleinen Wäldchens ganz allein bewohnte. Linda hatte sich umgehört, hatte Buchläden und Verlage in seiner Nähe kontaktiert, hatte Bewerbungen geschrieben, hatte gebangt und gehofft und gewartet. Vor einer Woche bekam sie Post von einem der Verlage mit einer Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Ohne ihm etwas davon zu erzählen, fuhr sie die vielen Kilometer. Wie ein Mantra sprach sie auf der Fahrt immer wieder die Worte: „Ich bin gut. Ich kann das. Ich schaffe das.“ Aufgeregt und voller Hoffnung stellte sie sich vor, zeigte Arbeitsproben, gab sich locker, obwohl ihr all die Zeit das Herz bis zum Zerspringen pochte. Man entließ sie mit dem Hinweis, dass sie voneinander hören würden.

Linda griff nach ihrem Rotweinglas, schaute in den tiefblauen Himmel und lauschte dem Summen der Insekten und dem Abendlied eines kleinen Vogels aus dem nahe gelegenen Park. Ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel. Heute, an ihrem ersten Urlaubstag, bekam sie einen Anruf. Eine freundliche Stimme teilte ihr nach der Frage, ob sie noch immer interessiert wäre, mit, dass der Vertrag zur Unterzeichnung vorbereitet sei. Der Weg zu ihm stand ihr nun offen. Glücklich erzählte sie ihm heute im Chat von ihrem Erfolg. Es irritierte sie, dass von ihm erst einmal keine Reaktion kam. Stille, kein Wort kam von ihm. Nur ein winziges: „Moment bitte.“ Doch dann schrieb und schrieb er, sagte ihr, wie sehr sie ihn überrascht habe, dass er kaum noch damit gerechnet habe, dass sich ein Weg zueinander finden würde. Er schmiedete Pläne und aus jedem seiner Worte sprach seine Freude, sein Glück, seine Liebe zu ihr. Viel zu wenig Zeit hatten sie, da er noch einen geschäftlichen Termin wahrnehmen musste. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Meine Linda, meine Kleine, du wirst in den nächsten Tagen ein kleines Paket von mir bekommen. Was ich dir darin sende, habe ich schon einige Zeit hier liegen. Doch ich wollte es nur der Frau geben, die tatsächlich bereit ist, den wirklichen Schritt zu mir zu gehen. Erwarte keinen Ring oder eines dieser klischeebehafteten Symbole. Erwarten darfst du das Zeichen meiner tiefen Liebe zu dir.“ Er wollte das noch heute in die Post geben, damit sie nicht zu lange darauf warten musste. Bis sie das Paket nicht geöffnet hatte, durfte sie nicht mehr mit ihm chatten oder ihn anrufen. Linda hoffte nur, dass sie nicht allzu lange warten musste.

Aus dem Blau der Dämmerung war inzwischen Nacht geworden und Linda fröstelte. Sie nahm sich ihr Weinglas und ihr Netbook und ging in ihre Wohnung, wo sie sich ein gutes Buch nahm, um ihre Gedanken wenigstens ein bisschen in eine andere Richtung zu lenken.

***

Zwei Tage musste Linda warten. Zwei Tage, in denen ihr die Minuten wie Stunden vorkamen und die Zeit so gar nicht vergehen wollte. Zwei Tage, in denen sie sich fragte, wie das Zeichen seiner Liebe aussehen mochte. Als sie endlich das Paket in den Händen hielt, wagte sie zuerst nicht, es zu öffnen. Sie kam sich vor wie damals als kleines Mädchen, wenn zu Weihnachten endlich die Geschenke ausgepackt werden durften und sie diese Stimmung der Vorfreude auf erfüllte Wünsche dadurch verlängern wollte, indem sie das Auspacken so lange hinauszögerte, bis ihre Geduld dann doch nicht mehr ausreichte.

So wie damals löste sie ganz bewusst die Verpackung. Das Paket aufzureißen wäre in ihren Augen ein nicht wieder gutzumachender Frevel gewesen. Nachdem sie das Klebeband gelöst und das Packpapier beiseitegelegt hatte, öffnete Linda den Karton. Sie sah schwarzes Seidenpapier, in dem etwas eingepackt war. Darauf lag ein Briefumschlag, den sie in die Hand nahm. Sie entnahm zwei dicht beschriebene Blätter und begann zu lesen:

Meine geliebte Linda, meine Frau, Partnerin, Freundin und meine Sklavin,

ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass für uns beide eine gemeinsame Zukunft möglich wäre. Von dir zu verlangen, dass du alles für mich aufzugeben habest, erschien mir zu vermessen. Ich selbst aber konnte mich auch nicht aus dem lösen, was mein Leben hier ausmacht. Wir sprachen so oft darüber und suchten nach Lösungen. Umso mehr weiß ich zu schätzen, was es für dich bedeutet, den endgültigen Weg zu mir einzuschlagen, öffnest du damit doch die Tür in unsere gemeinsame Zukunft. In meinen Augen ist das ein eindeutiges Zeichen deiner Liebe und deines Wollens, das mein Herz mit unsagbarer Freude erfüllt. Ich sehne den Tag herbei, an dem ich dich endgültig in meine Arme schließen darf.

Meine kleine Linda, hier und heute möchte ich dir ein Zeichen meiner Liebe schenken, ein Zeichen, das nicht den gängigen Klischees entspricht und ein Versprechen und eine Botschaft an dich beinhaltet. Ich schenke dir Flügel aus schwarzem Leder. Indem ich dich mit ihnen binde, werde ich deine devote Seele befreien und sie zum Fliegen bringen. Sie sind Zeichen meiner Macht und sinnlichen Dominanz, die deine vollkommene Hingabe als die wahre Macht begreift. Dein Vertrauen wird zu meiner Verantwortung und diese verlangt von mir, deinem Körper, deinem Herzen und deiner Seele Schutz zu bieten und eine Insel der Geborgenheit zu schaffen. Indem ich deinen Körper bändige, werde ich dir so manche Verweigerung bewusst machen, dich an Grenzen und darüber hinaus führen und deine, unsere Lust entfesseln. Diese Fesseln aus schwarzem Leder werden unser Einssein mit Fordern und Ergeben erfüllen und Spuren auf unser beider Seelen hinterlassen. Durch sie wirst du Halt, Mut und Stärke finden und Heilung so mancher Wunden der Vergangenheit erfahren. Du wirst dich vor mir beugen, denn ich werde deinen Geist und deine Seele berühren. Dadurch werde ich deine Hingabe einfordern und deine Demut wecken. Ich werde von meiner Macht trinken und eine sonst so farblose Welt in allen Farben erstrahlen lassen. Gefesselt und nichts sehend, werde ich die Dunkelheit zum Leuchten bringen und aus deinen Schreien eine Melodie der Lust komponieren.

Ich erwarte von dir, dass du diese Fesseln, diese Flügel aus schwarzem Leder aufrecht und stolz tragen wirst. Nur so wird es mir möglich sein, dich vollkommen für mich anzunehmen, da das der einzige Weg für unser beider Erfüllung ist. Denn nicht nur du wirst mir gehören, sondern auch ich werde ganz der Deine sein.

In Liebe und Ergebenheit

Dein Mann, dein Partner, dein Freund und dein Herr

Linda hatte beim Lesen kaum gewagt, Luft zu holen. So sehr hatten sie seine Worte berührt. Sie legte seine Zeilen beiseite und griff behutsam nach dem schwarzen Seidenpapier um das Geheimnis um die von ihm beschriebenen schwarzledernen Flügel zu öffnen. Sie entnahm dem Paket fünf Teile, die sie vor sich auf den Tisch legte. Der Duft nach frischem Leder erfüllte den Raum. Tief berührt ließ sie ihre Finger behutsam, fast zärtlich über das streichen, was er ihr als Zeichen seiner Liebe geschickt hatte. Vor ihr lag ein Halsband. Es war keines, wie sie es kannte, keines mit dem bekannten O-Ring. Dieses Halsband in edler Verarbeitung zierten drei D-Ringe und Linda sah bereits vor ihrem inneren Auge, was durch diese Ringe möglich wurde. Zu dieser Halsfessel gehörten zwei Handfesseln, die ebenfalls je einen D-Ring trugen, und Fußfesseln mit je zwei Ringen. Oh ja, sie würde diese Fesseln tragen, voller Stolz und Demut als Zeichen ihrer Liebe zu ihm. Diese Fesseln aus schwarzem Leder, die zu Flügeln werden würden durch seine Macht und ihre Hingabe – Flügel aus schwarzem Leder.


Als ich erkannte …

Als ich erkannte, dass ich mir selbst im Wege stand mit all meinen Fragen nach dem Wie und Warum, konnte ich loslassen und mein Ich befreien.

Als ich erkannte, dass Freiheit allein mir nicht genügte, war ich bereit, deine Fesseln um meine Seele und in meinem Herzen zuzulassen.

Als ich erkannte, auf welche Art mich die Fesseln deiner Liebe banden, konnte ich meine Flügel ausbreiten und mit dir fliegen und….

frei sein.


Wie gut kannst Du Deine Neigung zu BDSM oder Fetisch für Dich selbst akzeptieren?

In meiner Lieblingscommunity Schattenzeilen, in der ich seit Jahren schon angemeldet und als Autorin aktiv bin, wurde eine Frage gestellt, die so einfach gar nicht zu beantworten ist: Wie gut kannst Du Deine Neigung zu BDSM oder Fetisch für Dich selbst akzeptieren? Ich werde versuchen, zumindest für mich eine annehmbare Antwort zu finden.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich gerade entdeckte, was meine Sehnsüchte und Fantasien wirklich bedeuteten. Ich kannte mich plötzlich selbst nicht mehr und musste eine Entscheidung treffen, ob ich mich mit dem Entdeckten und damit mit mir selbst auseinandersetzen wollte oder aber all das verdrängen und damit mein Leben in gewohnten Bahnen weiterlaufen lassen wollte. Gebunden an einen Mann, mit dem mich nichts mehr verband als Gewohnheit und die Verantwortung für die gemeinsamen Kinder, einem Mann, der sich über viele Jahre hinweg zunehmend nur noch um sich selbst kümmerte und damit beschäftigt war, seinen Nikotin- und Alkoholpegel konstant hoch zu halten, fiel es mir nicht schwer, mich für neue Wege zu entscheiden.

So leicht, wie sich das jetzt hier niederschreibt, war es aber ganz bestimmt nicht. All die Jahre in dieser Ehe mit ihm hatte ich mich mehr und mehr selbst aus den Augen verloren und damit verlernt, meine Bedürfnisse zum einen zu benennen und zum anderen deren Erfüllung einzufordern. Nur in meinen Träumen, in den Fantasien meiner einsamen Nächte sah ich mich auf eine Art, über die ich einfach nie zu sprechen wagte. Die Faszination absoluter Hingabe, die Sehnsucht danach, beherrscht und doch geliebt zu werden, der Traum davon, gefesselt zu sein durch Ketten, Seile und viel mehr noch über die Psyche und den Intellekt– all das blieb viele, viele Jahre unausgesprochen.

Mehr oder weniger unbewusst flüchtete ich mich in Arbeit und widmete mich meinen Kindern. Der Mann, mit dem ich unter einem Dach lebte und dessen Mich-Wollen als Frau ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr spürte, sah in mir wahrscheinlich nur noch eine gut funktionierende Haushaltsmaschine, als jemanden, der durch den Beruf auch noch für eine gewisse finanzielle Absicherung sorgte und als Mutter der Kinder, denen sie sich hingebungsvoll widmete. Als Frau, als Weibchen und als begehrenswert fühlte ich mich dadurch natürlich nicht. Ich flüchtete in Arbeit, sagte zu allem Ja, nur um keine Zeit zum Nachdenken zu haben oder nach Hause zu müssen.

Ein gesundheitlicher Zusammenbruch erst war nötig, um mich auf meinen neuen Weg zu bringen. Plötzlich hatte ich Zeit zum Nachdenken und für die gezielte Selbstwahrnehmung. Ich sah in den Spiegel, sah ein aus den Fugen geratenes Wesen (oft linderte ich meinen Frust in den Jahren bis zu diesem Zeitpunkt durch Süßigkeiten und andere Leckereien). Ich sah mich mit einem anderen, sehr distanzierten Blick und stellte fest, das bin ganz bestimmt nicht Ich. Irgendwo hinter all den Speckfalten musste es die Frau mit ihren Träumen und Sehnsüchten geben. Ich musste sie nur wieder sichtbar machen. Über Monate hinweg speckte ich die angehäuften Frustkilos ab, wurde plötzlich auch von außen wieder als Frau wahrgenommen und sonnte mich anfangs verlegen, jedoch zunehmend selbstbewusster in den Komplimenten, die ich erhielt.

Zugleich entschloss ich mich, mich von meinem Mann zu trennen. Und damit war der Weg frei, zu mir selbst zu finden. Über eine Datingcommunity wurde mir in einem sehr langen Chat gezeigt, was all die Jahre in mir schlummerte. Es bekam einen Namen, der mich zuerst ganz schlimm erschreckte: BDSM. Trotz meines Erschreckens jedoch trieb es mich weiter. Ich wollte wissen, wollte alles wissen, wollte mich endlich erkennen. Mit den zunehmenden Kenntnissen, durch lange Gespräche und auch reale Begegnungen mit Menschen, die so „ticken“ wie ich und auch durch erste Erfahrungen wurde ich mir meiner selbst immer sicherer.

Auf dem Weg, den ich bis heute gegangen bin, sollte mir noch einiges begegnen, was für Verwirrung, für Angst, für Unsicherheit sorgte. Aber ich habe auch gelernt: nicht jeden Schuh muss ich mir anziehen, ich habe die Wahl, nur das zuzulassen, was mir guttut. Ich habe gelernt, dass nur durch Liebe die von mir ersehnte Erfüllung durch Hingabe möglich ist, dass Tiefe nur dann entsteht, wenn man auf allen Ebenen, sowohl den geistigen, den zwischenmenschlichen, den sexuellen und denen, die unser Sosein so besonders machen, aneinander wächst. Mit dieser zunehmenden Sicherheit konnte ich mich immer mehr selbst annehmen und akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin.

Inzwischen bin ich stolz, diesen Weg gegangen zu sein. Von diesem stillen, verhuschten Etwas aus den Jahren meiner Ehe ist nichts mehr übrig. Durch meine Selbstakzeptanz fühle ich mich zugleich schön und begehrt und bin es auch. Angekommen in einer Beziehung, die erfüllend ist und in der ich mich trotz der oft alltäglich zu meisternden Kämpfe (noch sind nicht alle Altlasten aufgearbeitet) glücklich und geliebt fühle, bin ich heute eine selbstbewusste Frau, die erhobenen Kopfes ihren weiteren Weg geht.


Nachdenken über die "O"

Wie so viele andere hat auch mich die „Geschichte der O“ nach dem ersten Lesen fasziniert. Sie begegnete mir in einer Zeit inneren Umbruches, in der ich mich vielem neu öffnete und ich alles hinterfragte, was sich mit mir und meinem Sein in Beziehung setzen ließ. Die Zeilen von Pauline Reage berührten mich auf eigentümliche Weise. Meine devote Seite fühlte sich angesprochen und im Einklang mit der „O“. Aber selbst zur „O“ werden, so leben, wie sie, das wollte ich nie. In den Jahren nach der Erstlektüre fand ich in mir meinen Weg und wurde mir meiner und der Ansprüche an diejenigen, mit denen ich mich umgeben mochte, immer sicherer. Doch die „O“, aber auch ihre Gegenspieler René (der mehr und mehr zum Statisten wird) und Sir Stephen ließen mich nie ganz los, begegneten sie mir doch auf indirekte Art immer wieder in Profilen diverser Communitynutzerinnen und dem Wunschdenken verschiedener Herren, die natürlich gern Herr über eine Frau mit dem Wesen der „O“ wären. Ich denke, die meisten haben sich nicht wirklich Gedanken gemacht, was es bedeutet, diese Romanvorlage 1 : 1 umzusetzen. Mal davon abgesehen, dass allein die Äußerlichkeiten kaum die Möglichkeit zu der Verwirklichung dieses Wunschtraumes bieten können. Es gibt nun einmal kein Roissy, in der man sein Mädchen abgeben kann, damit es dort widerspruchslos zu ertragen lernt, was immer die so genannten Herren in ihrem sadistischen Tun umzusetzen gedenken. Viele vergessen schlicht, dass die „O“ eine fiktive Idealfigur ist, perfekt in ihrer Hingabe und perfekt auch, zumindest im Buch, in ihrer Konsequenz, diese Hingabe in dem Wunsch gipfeln zu lassen, mit Einverständnis ihres Herrn sich dem Tod übergeben zu können. Im Buch ist Sir Stephen damit einverstanden. Welch Herr, dem etwas an der Frau liegt, die sich in solcher Vollkommenheit und absoluter Hingabe schenkt, würde zulassen, dass sie den Freitod wählt? Wie kann ein Herr so verantwortungslos sein, die Zeichen, dass solche Gedanken in ihr schlummern, zu übersehen und dann vielleicht auch noch stolz darauf sein? Ist es nicht die Liebe in gegenseitiger Hingabe, die eine solche starke Verbindung in tiefstem Vertrauen erst ermöglicht? Keine Frau kann sich auf Dauer hingeben, wenn ihre Liebe nur einseitig ist, sie zunehmend spürt, dass sie nicht nur benutzt, sondern auch ausgenutzt wird, ohne dass sie das Gefühl hat, in der Liebe ihres Herrn Halt zu finden. Liebe ist die stärkste Fessel zwischen zwei Menschen, wenn sie beidseitig vorhanden ist. Liebe wird zur Geißel, wenn sie einseitig ist. Vor allem dann, wenn sie der Befriedigung egomaner  Ziele dient, an der die Devota am Ende nur scheitern und zerbrechen kann, weil sie keinen konstanten Kraftspender hat. Sicher wird sie Momente des Stolzes haben, doch eben nur winzige Augenblicke, in denen sie verdrängt hat oder noch nicht realisierte, dass sie von ihm absolut nichts erwarten kann und ihr Stolz keine Würdigung erfährt.

Ich las das Buch mehrfach, lernte die Autorin in einem gedruckten Interview, das für die Zeitschrift Elle niedergeschrieben wurde, kennen und in ihrer Lebenseinstellung schätzen, sah sowohl die alte Kinoverfilmung, als auch die fünfteilige Neuverfilmung mehrfach. Je mehr ich mich mit ihr auseinandersetzte, umso mehr Distanz bekam ich zu ihr, wobei ich hier allerdings zwischen Buch und den Verfilmungen unterscheiden muss.

Im Buch ist die „O“ eine Frau, die in eine vollkommene Abhängigkeit geführt wird und die als eigenständig denkender Mensch immer mehr den Bezug zum alltäglichen Leben verliert. Wir erleben sie zuhause mit einer Angestellten, die sich um so lapidare Dinge wie Wohnungsreinigung und Haushaltsführung kümmert,  in Roissy, wo sie ebenfalls einen wenn auch sadistischen Diener zu ihrer Verfügung hat, und selbst im Hause Sir Stephens verfügt sie über seine Hausangestellte Nora. Selbst ihre Arbeit als Fotografin ist nur Mittel zum Zweck, um ihren Gehorsam und ihre Hörigkeit zu betonen. Sicher ist das Ausleben einer devoten Veranlagung in wahrer Hingabe etwas ganz Wundervolles. Jedoch hat das im Beruf und in der Konfrontation mit Menschen, die damit nicht umgehen (können) nichts verloren. Keiner sollte in Erklärungszwänge geraten in einer Zeit, in der das Wesensbild ausgelebter Dominanz und Submission als unnormal, ja krankhaft angesehen wird und in einzelnen Berufsbereichen sogar bis hin zur Kündigung und öffentlichen Bloßstellung führen kann.

Im Buch bleibt sie die hingebungsvoll Devote, deren Geschick von den Männern gelenkt wird. Im Film jedoch ändert sich ihre Position. Sir Stephen wird zum Mittel ihrer Lusterfüllung. Sie entscheidet am Ende, was geschieht, wann sie das Branding erhält, wann sie gepeitscht wird, ja selbst, dass am Ende des Filmes Sir Stephen ihr Zeichen trägt. Der Film nutzt das Mittel des Happy End, in dem sich beide in Liebe vereinen – eine mir zumindest sympathische Lösung.

Im Gesamtbild ist die „O“ eine Frau, die zum willenlosen Spielball männlicher Lust wird. In Roissy wird sie täglich gepeitscht, bis Striemen ihren Körper zieren. Dabei spielt es keinerlei Rolle, wer die Peitsche schwingt – die eigentliche Aktion verliert ihre Seele und wird in meinen Augen dadurch zur puren Gewalt. Für mich sind Striemen Spuren, die die Intensität der körperlichen Verbindung zu meinem Herrn zeigen und zum Ausdruck unserer Liebe werden. Ich trage sie mit Stolz. Diese Spuren gehören nur uns beiden und tragen seine Handschrift. Und obwohl „O“ immer wieder beteuert, dass sie René liebe, was sicherlich in dem Moment auch der Fall ist, so ist es für mich eher eine Schutzreaktion, um zu verdrängen, dass sich alle an ihr bedienen. „Ich liebe ihn, also erfülle ich ihm den Wunsch, dass er mich an andere weiterreichen darf.“ Wie weit darf Liebe gehen? Wo bleibt der Gedanke der Eigenverantwortlichkeit, des Selbstschutzes?  Dieses Bedienen reicht bis in die sexuelle Benutzbarkeit. Auch hier muss sie jedem zur Verfügung stehen, jederzeit und an jedem Ort. Mal davon abgesehen, dass nach ihrer Sicherheit und der der Männer gar nicht gefragt wird und dies absolut unverantwortlich ist: welch wirklich liebender Herr würde seine ihm so sehr vertrauende Skavin oder Sub durch all die Hände reichen? In diversen Gesprächen wird dann von Stolz gesprochen, dass andere ihr Eigentum so sehr begehrenswert finden, dass sie es mitbenutzen wollen – eine verdrehte Sichtweise, wenn man diese Benutzung dann auch zulässt. Die Sicht: „Sie gehört mir und nur mir.“ empfinde ich als wesentlich gesünder. Natürlich können andere eine Frau begehrenswert finden. Doch das wird den Stolz des Herrn nur erhöhen, zugleich aber auch seinen Beschützerinstinkt schärfen. Die Liebe unter den Vorzeichen von Dominanz und Submission ist nicht nur unendlich intensiv, sondern besitzt eine Reinheit, eine Klarheit, die durch das Eindringen anderer gestört werden würde. In der Geschichte der „O“ geht es nach der Ausbildung sogar soweit, dass René, der die „O“ angeblich so sehr liebt, sie am Ende weiterreicht an Sir Stephen, als wäre sie ein Gegenstand und kein fühlender Mensch. René, der ihr doch Halt geben sollte, die Sicherheit liebender Arme, stößt sie so von sich. Real würde eine Sklavin oder Sub abstürzen, denn ein liebender und verantwortungsvoller Herr verlässt diejenige, die sich ihm so absolut überantwortet, nicht einfach, ist an sie genauso gebunden, wie sie an ihn. Bereits in Roissy sagt er ihr, dass es einen Sir Stephen im Hintergrund gibt. Dass sie  in die Hände dieses Mannes weitergereicht wird, ist also langfristig geplant und gewollt und wird ihr unter dem falschen Deckmantel einer nicht vorhandenen Liebe auf dem Teller ihrer Hörigkeit serviert. Für mich hat das den schalen Beigeschmack einer Second-Hand-Ware.

Wenn ich mir nun all die Menschen in den Communitys anschaue und auch diejenigen, denen ich bereits begegnete und die meinten, so leben zu müssen, wie in dem Buch oder Film, so mag es zwar sein, dass sie genauso von der Hingabefähigkeit der „O“ und ihrer Devotion fasziniert sind, doch wenn man wirklich einmal konkret hinterfragt, ob sie in vollem Bewusstsein und der absoluten Konsequenz tatsächlich wie die „O“ sein möchten, dann stellt sich ganz schnell heraus, dass das zwar im Kopfkino wunderbar funktioniert, real lebbar sind jedoch nur einzelne Bereiche, oft nur einzelne Wesenszüge, die man sowohl im Buch, als auch im Film finden kann. Die Masochistin wird es wunderbar finden, immer wieder dem Schmerz ausgeliefert zu sein – vielleicht auch einmal im Beisein anderer Herren, wenn sie exhibitionistisch veranlagt ist. Ich wage jedoch zu bezweifeln, ob sie tatsächlich von jedem auch die Peitsche zum Beispiel spüren möchte, nicht wissend, ob er sie tatsächlich auch verantwortungsvoll zu führen vermag. Die Devota wird sich angesprochen fühlen von ihrer Hingabefähigkeit, von ihrem Gehorsam und ihrer Duldsamkeit. Das Gefühl des Machtgefälles steht für sie an erster Stelle. Doch beide, die Masochistin und die Devota oder auch diejenige, die beides in sich vereint werden doch immer wieder den sicheren Halt suchen, den nur ein liebender Herr zu bieten hat. Außer ein paar abgedrehten Kopfkinospielern ist mir real noch keiner begegnet, der einfach hingenommen hätte, weitergereicht zu werden, wenn der Herr ihrer (oder seiner) überdrüssig geworden wäre. Und selbst das Argument, es wäre doch wunderbar, seine Sklavin auch von einem anderen Herrn miterziehen zu lassen, ist in meinen Augen absolut nicht tragfähig. Es ist ein Eingeständnis von Schwäche, ein Zeichen, dass er sich den Ansprüchen seiner Sklavin / Sub nicht gewachsen fühlt, dass er selbst nicht in der Lage ist, sie nach seinem Bild zu formen. Eine wahre Sklavin würde das bald schon erkennen und das wäre der erste Schritt zur Loslösung von ihrem Herrn und damit ein Bruch in ihrer Hingabe, der wohl kaum mehr zu beheben wäre. Außerdem ginge der Herr ein unglaubliches Risiko ein. Er würde zugeben, dass ein andere besser wäre – wenn er es dann tatsächlich ist, bestünde die nicht ganz unrealistische Möglichkeit, dass sich zwischen dem zweiten Herrn und ihr Bande knüpfen in einer Festigkeit, wie sie bei ihrem eigentlichen Herrn nicht zu finden sind, denn ihre Seele bekäme dadurch wesentlich mehr Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Eifersuchtsdramen sind vorprogrammiert, Gewissenskonflikte sowieso. Ich möchte zu meinem Herrn aufschauen, möchte das Gefühl haben, er ist der Beste für mich, neben ihm kann kein anderer bestehen, uneingeschränkt, immer. Andere haben darin keinen Raum.

Liebe ist etwas zwischen zwei Menschen und zwischen meinem Herrn und mir drückt sie sich nicht nur in ihrer Lebbarkeit aus, sondern auch durch seinen Griff in meinen Nacken und in meine Haare, den ich nur bei ihm zulasse, in seinen Spuren, die er auf meiner Seele, aber auch auf meiner Haut hinterlässt, in den langen Gesprächen, in denen wir unseren Gefühlen, seien sie nun gut oder auch einmal weniger gut, Ausdruck geben. All das knüpft ein Band zwischen uns, das kein anderer zerreißen kann, bindend für uns beide. Und nur das macht meine wahre Hingabe möglich, absolut und in aller Konsequenz, 24 Stunden am Tag, immer. Unser Verständnis von Domination und Submission, von Sadismus und Masochismus ist untrennbar verbunden mit der Liebe, die all das zusammenhält.


Erblühen

Die Knospen meiner Blütenträume,
genährt von meiner Sehnsucht,
sonnen sich in unserer Liebe,
öffnen sich,
die einen langsam, zaghaft fast,
andere in der Momentaufnahme eines Augenblicks,
offenbaren nicht nur Farben
im Sinnenrausch unseres Seins.
Getragen von deiner Macht,
die ich dir schenke,
erblüht auch sie,
die tiefschwarze Rose
unserer dunklen Lust.



Gier

Ketten, die mich halten. Schwarze Seide, über meine Augen gelegt, die meine Sinne schärft. Ich lausche den Klangspuren, die du in den Raum zeichnest, erspüre mit meiner Haut deinen Atem und deine Wärme. Du berührst mich mit zarten Fingerspitzen und meine Nackenhärchen richten sich auf. Atem, gierig eingesaugt, füllt meine Lungen und wird als lustvolles Stöhnen wieder entlassen. Ich biege mich dir entgegen, möchte dich spüren, mehr, immer mehr.

Ich höre dein dunkles Lachen, das mir dein Begreifen zeigt. Zarte Fingerspitzen werden zu Krallen, zeichnen heißglühende Spuren auf meine Haut. Sie wird zur Leinwand deiner sadistischen Lust, Briefpapier deiner Liebe.  Male dein Bild, schreib deine Worte der Liebe! Mehr, immer mehr.

Plötzliche Leere, spüre dich nicht mehr, lausche, warte. Banges Verharren in keimender Lust. Wo bist du? Dein Griff in meinen Nacken, dein Griff nach meinen Brüsten, fest, hart, lustvoll und gierig zupackend. Klammern, die mich beißen. Atem, schmerzvoll eingesaugt, lässt mich beben, entweicht als wimmerndes Stöhnen. Ich biege mich dir entgegen, biege mich dem Schmerz entgegen, den nur du mir zu geben vermagst. Mehr, immer mehr.

Wieder höre ich dein Lachen, bebend nun in deiner Gier nach mir. Ich winde mich im Biss der Klammern, erspüre lustvolles Pulsieren meines glühenden Blutes, Lavastrom meiner Lust, meines Schmerzes. Ich lausche, erspüre dich, höre ein Surren, das Lied der Peitsche, mit der du mich liebevoll umarmst. Grellrot brennende Pinselstriche auf der Leinwand meines Ichs dringen als Leuchten in meine Seele. Mehr, immer mehr.

Ich zähle die Schläge nicht mehr, spüre, winde mich blind unter tränennasser Seide, schwebe in der Glut meiner Hingabe an dich, trinke von der Pein, in der du mich fliegen lässt und löse mich auf.

Stille.

Duft nach Tränen, nach Schweiß, nach Lust.

Dein Atem tröpfelt in mein Bewusstsein. Zarte Fingerspitzen weisen mir den Weg. Deine Arme halten mich, fangen mich auf, fügen mich zusammen und sorgen dafür, dass ich mich nicht verliere in unserer Gier.



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