Es ist inzwischen schon sieben Jahre her, dass ich erkannte, welche Bedeutung meine Träume und Fantasien haben, dass sie nichts anderes sind als Ausdruck unerfüllter Sehnsucht, die beginnend mit der ersten Auseinandersetzung mit mir selbst als weiblichem Wesen zunehmend klarer wurde.
Vierzig Jahre alt musste ich werden, um diesen Sehnsüchten einen Namen geben zu können, sie für mich greifbar zu machen und dadurch auch mich selbst immer klarer zu erkennen. Vierzig Jahre lebte ich ein in den Augen der anderen normales Leben. Ich studierte, arbeitete, heiratete, bekam Kinder und half ihnen erwachsen zu werden und selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen. Meine Ehe jedoch war nur noch eine Formsache, etwas, was aufrecht erhalten wurde, um den schönen Schein zu wahren und den Kindern die Sicherheit einer intakten Familie zu geben. Dass sie spürten, dass das lange schon nicht mehr funktionierte, sollte ich erfahren, als ich mich von meinem Mann, über die Jahre zu einem gleichgültigen, aber auch vor allem verbal gewalttätigen Mann mit einem ausgeprägten Alkoholproblem geworden, trennte. Aus den Gesprächen mit den Kindern erfuhr ich, dass sie lange schon spürten, wie unzufrieden ich war, wie unglücklich in dieser Ehe, die für mich einen der äußeren Zwänge darstellte, die man nicht so leicht löste, jedoch dafür sorgte, dass ich mich mehr und mehr verleugnete. Ich lebte nur noch für andere, meine eigene Bedürftigkeit nach Liebe, nach Nähe verdrängte ich.
Heute weiß ich, dass gerade bei submissiv veranlagten Frauen sich dieser Weg ähnelt. Heute weiß ich aber auch, dass dieses Erkennen und zunehmende Wissen um meine Veranlagung mit die Kraft gab und das Selbstbewusstsein, mich aus der Enge eines Lebens, das meinem Ich so gar nicht entsprach, zu befreien, alte, hemmende Bindungen zu lösen und endlich mein Leben zu leben.
Ich ließ mich scheiden, schloss Türen hinter mir und stieß neue auf. Türen, hinter denen sich eine Welt verbarg, die mich faszinierte, zum Teil erschreckte, ängstigte und schockierte und doch Saiten in mir zum Schwingen brachte, von denen ich bisher kaum ahnte, dass es sie gab. Ich erkannte, dass ich das, was mir bisher im Weg stand, meine stille Art, meine Beobachtungsgabe, meine Bereitwilligkeit, mich an die Hand nehmen zu lassen, Bestandteil meines Ichs war und es keine Schande war, sich hinzugeben, weich und scheinbar schwach zu werden. Zunehmend zeigte sich, dass gerade in diesem Vermögen mich in dieser Schwäche beherrschen zu lassen meine Stärke bestand.
Endlich musste ich nicht mehr ausschließlich in Beruf und Alltag stark sein und Entscheidungen treffen, sondern konnte endlich loslassen und Verantwortung abgeben. Auf dem Namensschild der Tür in mein neues Leben stand BDSM, vier Buchstaben, deren Bedeutung und Inhaltsschwere sich mir zwar Schritt für Schritt erschloss, mich aber auch in den ersten Tagen meiner Selbsterkenntnis schockierte, denn das, was bisher von den Menschen, die ach so normal sich gaben – bis dato gehörte ich ja noch zu ihnen – als pervers beschrieben, aber auch mit einem gewissen Voyeurismus und frivoler Sensationslust beobachtet und analysiert wurde, sollte nun tatsächlich Teil meines Lebens werden und mir Erfüllung bringen. Ich lernte eine neue Welt kennen und fand mich dabei.
BDSM – in diesen vier Buchstaben entdeckte ich Schritt für Schritt das wieder, was mir in meinen Träumen bereits vertraut war. Ich fand die Faszination an Wehrlosigkeit wieder, dieses wunderbare Gefühl gebunden durch Seile, Ketten oder einem Willen, dem ich mich unterwarf, meinem Fühlen und meinen Gefühlen eine neue Freiheit zu schenken. Diese Sehnsucht bekam einen Namen und wurde dadurch greifbar: Bondage. Ich fand mich wieder in einer Welt, in der es keine Schande sondern bewundernswert war, sich einem Willen zu unterwerfen und auch darin Freiheit zu finden. Auch diese Sehnsucht bekam einen Namen: Dominanz und Submission. Ich fand mich schließlich auch in einer Welt wieder, in der ich erfahren durfte, dass Schmerz die intensivste Berührung ist, die man als Liebender entweder schenkt oder empfängt. Ich tauchte ein in das Reich des Sadomasochismus.
Als ich diese Tür aufstieß, betrat ich einen Raum, in dem innerhalb einer Beziehung nichts voreinander verborgen bleibt und man in einem steten verbalen und nonverbalen Dialog steht. Nie in meinem Leben hatte ich bis dahin so viel Respekt, Beachtung und Aufmerksamkeit erfahren. Noch nie wurde ich so sehr geachtet und ernstgenommen.
Allerdings begegnete ich auch vielen unehrlichen, egoistischen so genannten Herren, Sirs, Lords und wie sie sich noch betiteln mögen. Sie errichten Scheinwelten, um egomane Ziele zu verfolgen, kaum bedacht auf das Wohl derjenigen, die sich vertrauend unterwirft. Ich begegnete Menschen beiderlei Geschlechts, die sich in virtuellen Welten verlieren, wissend, dass ihr Kopfkino dem realen Sein nicht standzuhalten vermag. Diese Menschen habe ich hinter mir gelassen und heute bin ich ihnen dankbar, denn sie halfen mir, meinen Anspruch zu definieren und zeigten mir, dass ich die Stärke besitze, mir selbst treu zu bleiben und mich nicht wieder für andere zu verbiegen und zu verleugnen.
Wertvoller sind jedoch diejenigen für mich, die mir auf meinem Weg halfen, die zeigten, erklärten und geduldig all meine Fragen beantworteten. Sie sind mir zum Teil wunderbare Freunde geworden.
Mit dieser BDSM-Tür wurde zugleich eine weitere aufgestoßen: meine Wissbegierde. Ich sah mich mit einer Welt voller faszinierender Dinge und Geräte mit Namen, die ich nicht oder nur in anderem, „unschuldigem“ Zusammenhang kannte, konfrontiert. Da gab es Paddle, Flogger, die Katze, Weißen SM, den Bock und auch das Andreaskreuz. Inzwischen ist dieses Kreuz für mich zum Sinnbild submissiv-masochistischer Hingabe geworden. Bisher kannte ich es nur aus der Architektur, bin ihm begegnet in Sakralbauten, dazu dienend, Bauwerken Halt und Stabilität zu geben. Diese Funktion ist mir symbolisch erhalten geblieben. Gefesselt an ein Andreaskreuz erfahre ich Halt und Sicherheit, kann in der Stabilität meines Vertrauens eintauchen in meine Gefühlswelten, wenn Sinnlichkeit, Lust und Schmerz sich so vermengen, dass ich loszulassen vermag und zu fliegen beginne. Es hält mich, wenn ich aus einem Urinstinkt mich zusammenkrümmen möchte. Gefangen in dieser Unmöglichkeit jedoch erfahre ich innere Befreiung meines Geistes und kann zulassen und empfangen und schließlich annehmen, was mein Partner, mein Mann, mein Geliebter, mein Peiniger und in diesem Moment mein Herr mir schenkt – den Ausdruck seiner Liebe.
